Fallbeispiel: Mistelbefall im Schlosspark Nymphenburg

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Die historischen Linden im Schlosspark Nymphenburg prägen das Landschaftsbild – doch ein zunehmender Mistelbefall setzt ihnen spürbar zu. Zwischen Erhalt und Eingriff entsteht eine zentrale Frage: Wie viel Rückschnitt ist notwendig und wie viel Rückschnitt ist möglich, ohne den Baum zu schwächen? Die Bayerische Schlösserverwaltung ist dieser Frage gemeinsam mit TreeSense datenbasiert nachgegangen. Ziel ist ein Mistelmanagement, das Wirkung zeigt und gleichzeitig die Vitalität der Bäume erhält.

Projektüberblick

Das Projekt lief zwischen 2023 und 2025 über zwei vollständige Vegetationsperioden hinweg und verfolgte eine zentrale Frage: Wie oft und in welchem Umfang sollten Misteln zurückgeschnitten werden, um eine Gefährdung der Lindenbäume zu verhindern?

Untersucht wurden 27 Sommer- und Winterlinden entlang der Hochallee im Schlosspark Nymphenburg. Die ausgewählten Bäume waren unterschiedlich stark von Misteln befallen: unbefallen (3 Bäume), leicht befallen (6 Bäume), mittel befallen (6 Bäume), stark befallen (6 Bäume) und extrem befallen (6 Bäume).


Zur Erfassung der Baumvitalität wurden insgesamt 75 TreeSense Pulse-Sensoren installiert. Jeder befallene Baum wurde mit drei Sensoren ausgestattet, montiert vor der Mistel, nach der Mistel und an einem gesunden Vergleichsast. Unbefallene Bäume erhielten einen Sensor. Im 15-Minuten-Intervall erfassten die Sensoren kontinuierlich Daten und ermöglichten eine hochaufgelöste Analyse der Feuchteverhältnisse innerhalb des Baumes.

Um die Wirksamkeit von Rückschnittmaßnahmen zu untersuchen, erfolgten im Juli und November 2023 Mistelrückschnitte bei einem Teil der Bäume. Dies ermöglichte einen direkten Vergleich zwischen dem Zustand vor und nach der Maßnahme sowie zwischen behandelten und unbehandelten Bäumen.

Das Projekt baut auf das bereits existierende Projekt zum Mistel-Befalls-Index (MBI) der Landesanstalt für Wald- und Forstwirtschaft (LWF) auf.

Einblick in die Ergebnisse

Langfristige Reaktion auf den Mistelrückschnitt

Das Projekt zeigt, dass Mistelrückschnitt den Wasserhaushalt der Lindenbäume verbessert. Nach den Schnittmaßnahmen wiesen behandelte Bäume 2024 signifikant niedrigere wöchentliche elektrische Widerstände auf als unbehandelte Kontrollbäume. Im Jahr 2023, vor dem Rückschnitt, war dieser Unterschied zwischen den Gruppen nicht zu beobachten — ein wichtiges Indiz dafür, dass die Unterteilung in zu behandelnde Bäume und Kontrollbäume homogen erfolgt ist.



Vergleich der wöchentlichen Mittelwerte des elektrischen Widerstands (in kOhm) zwischen Bäumen mit und ohne Mistelrückschnitt für die Jahre 2023 (vor Rückschnitt) und 2024 (nach Rückschnitt).

Die reduzierten Widerstandswerte deuten auf einen geringeren Trockenstress hin. Der Rückschnitt wirkt sich damit positiv auf den Wasserhaushalt aus, allerdings mit zeitlicher Verzögerung: Die physiologischen Anpassungen der Bäume entfalten sich über mehrere Monate.

Zur abschließenden Bewertung der Maßnahme sind weitere Langzeitmessungen notwendig, um zu klären, ob die Effekte nachhaltig bestehen bleiben und welche Rückschnittintervalle optimal sind.

Rückschnitteffekt je nach Mistelbefallsstärke

Stärker mit Misteln befallene Bäume profitierten deutlich stärker von Rückschnittmaßnahmen als weniger befallene Bäume. Besonders wirksam erwies sich der Rückschnitt bei mittlerem bis starkem Mistelbefall: In diesen Gruppen zeigte sich 2024 ein deutlicher Rückgang der elektrischen Widerstandswerte — ein Zeichen für verbesserte Wasserverhältnisse. Leicht befallene Bäume hingegen reagierten nicht signifikant auf die Maßnahme. Diese Ergebnisse unterstreichen, dass der Grad des Mistelbefalls ein entscheidender Faktor für die Wirksamkeit des Rückschnitts ist und die Behandlung gezielt bei stärker befallenen Bäumen eingesetzt werden sollte.



Vergleich der wöchentlichen Mittelwerte des elektrischen Widerstands (in kOhm) von Bäumen mit starken Mistelbefall zwischen mit und ohne Mistelrückschnitt für die Jahre 2023 (vor Rückschnitt) und 2024 (nach Rückschnitt).

Fazit

Die Studie zeigt, dass Mistelrückschnitt insbesondere bei mittlerem bis starkem Befall wirksam ist, während leicht befallene Bäume keine signifikante Verbesserung zeigen. Der positive Effekt auf den Wasserhaushalt manifestiert sich zeitverzögert im Folgejahr. Für ein nachhaltiges Management sollten Rückschnitte gezielt bei stärker befallenen Bäumen erfolgen, doch Langzeitmessungen sind erforderlich, um die Dauer der Effekte und optimale Rückschnittintervalle zu klären.

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